Olga Korshunowa

Wie das Ahornblatt fliegen lernte

© Illustration Woldemar Schulz

In einem Stadtpark stand ein großer Ahorn. Das war kein gewöhnlicher Baum, sondern er bildete eine große, glückliche Familie. In ihr wurden nämlich viele Kinder groß. Wie viele genau? Mehrere! Genauer kann man es nicht sagen. Wieso? Weil sie zuvor niemand gezählt hat. Wer würde auch schon auf den Gedanken kommen, die Blätter an den Bäumen zu zählen? Und genau diese Blätter waren die Kinder dieses Ahorns. Nennen wir ihn  einfach einmal Ahorn-Papa.
Die Blätterkinder fanden es ganz toll, dass sie so viele waren. Sie stritten sich nie und das war gut so. Sie spielten miteinander und unterhielten sich. Manche von ihnen waren stark, andere eher schwächer, aber die Starken ärgerten die Schwachen nie. Diejenigen, die am Ende der Zweige und an der Spitze des Ahornbaumes lebten, wurden breiter und fester. Wie  sollte das auch anders sein? Sie bekamen ja mehr Sonne und Licht ab. Diejenigen jedoch, welche im Schatten wuchsen, also näher am Baumstamm, waren eher kleiner und blasser. Doch weder Regen noch der Hagel konnten ihnen etwas anhaben, sogar der Wind störte sie nicht. Wer größer und stärker war, beschützte sie. Die Brüder und Schwestern hielten zusammen.

Zum Glück gibt es im Sommer ja nicht so häufig Regen und Hagel, stattdessen kann man sich an vielen warmen und sonnigen Tagen erfreuen. An solchen Tagen wärmten sich die Geschwister an den wunderbaren Sonnenstrahlen, und sogleich bekamen sie auch eine intensivere Farbe – wobei sie ihre Arme und Beine fleißig in alle Richtungen ausdehnten. Wahrscheinlich glichen sie deswegen fünfzackigen Sternen. Die Sonne liebte den mächtigen Ahorn und seine Kinder sehr. Oftmals besuchte sie die Familie, und sie liebte es, mit ihr zu spielen, vor allem das „Fang mich doch - Spiel“: dabei streute sie jede Menge freche Sonnenpunkte auf die Baumkrone mit ihren vielen Blättern, so dass, sie jedes Blatt fangen konnte. Die Blätter liefen hintereinander her und  streckten ihre Hände aus, so als ob sie die Sonnenpunkte fangen wollten. Kaum hatten sie einen Punkt gefangen, schon hüpfte dieser fröhlich auf einem anderen Ast umher. Und die Blätter selbst warfen sie wie Bälle in den Himmel hinauf – so gerne wollten sie das Spiel immer und immer wieder fortsetzen.

Doch eins der Blätter auf der Spitze des Ahorns wuchs ganz anders als seine Brüder. Vielleicht lag es daran, dass es dem Himmel so nahe war. Es schaute manchmal, in Gedanken versunken, nach oben – direkt in den Himmel. Es war unglaublich! Und immer so andersartig. Dort oben schwebten ohne jede Eile die Wolken dahin – so leicht und so weich wie Federn. Das kleine Ahornblatt versuchte herauszufinden, wem diese wunderbaren Gebilde ähnelten: eine Wolke sah aus wie ein wunderschöner Schwan, eine andere ähnelte einer flauschigen Katze, die gerade von seinem Frauchen gefüttert wurde. Genau solch eine Katze lebte in der dritten Etage eines fünfstöckigen Hauses gleich in der Nähe des Baumes. Sie schlief meistens im Sessel, der auf dem Balkon stand. Sie streckte sich, wedelte behaglich mit ihrem Schwanz und zeigte damit allen Betrachtern, wie schön es sich doch auf der Welt leben lässt, solange der Magen gefüllt ist. Außerdem liebte unser Blättchen die Vögel bei ihrem Fliegen zu beobachten. Sie schnitten die Luft mit ihren starken Flügeln so geschickt, dass sogar der Wind sie nicht einholen konnte. Manchmal winkte das Blatt den Vögeln zu, aber diese bemerkten es kaum.

Das kleine Blättchen wartete mit Freude darauf, dass hoch im Himmel sein silberfarbiger Lieblingsvogel auftauchte. Das Blatt konnte ja nicht ahnen, dass es sich dabei  um ein Flugzeug handelte. Dieser tolle Vogel schien ziemlich tapfer und entschlossen durch die Luft zu ziehen, war aber auch ziemlich winzig, so dass man ihn kaum richtig wahrnehmen und bewundern konnte. Sein Schweif zog sich über den ganzen Himmel hinweg – er war so lang, als ob der Vogel im Flug seine Blätter verlöre. Seine Flugbahn wirkte wie eine gerade, weiße Straße an dem azurblauen Himmel. Der Vogel flog schnell von dannen, aber seine wunderbare Spur konnte man noch lange am Himmel verfolgen. Das kleine Blatt konnte einfach nicht verstehen,  wieso kein einziges Wesen auf dieser Wunder-Straße fuhr: kein Radfahrer, kein Auto, kein Bus. Dabei hatten die auf den normalen Straßen der Stadt doch kaum Platz! Denn diese stinkenden, brummenden und hupenden Ungeheuer der Straße konnte das kleine Ahornblatt von oben genau beobachten. Es hatte sogar ziemliche Angst davor, dass sich diese Ungeheuer gegenseitig anrempeln und zerstören und es zu mächtigen Streitereien käme. In diesen Fällen gäbe es jede Menge Schwierigkeiten herauszubekommen, wer wohl Schuld hätte und wer im Recht wäre. Dabei wäre der Himmel doch so breit, so weitläufig, so geräumig, ohne jede Engstelle. Dort fände doch wohl ein jeder seinen Platz.

Das junge Ahornblatt dachte viel nach und träumte schließlich davon, dass sein Vater es ihm endlich erlauben würde, ganz hoch in den Himmel zu fliegen. Es konnte zwar nicht wissen, ob sein Traum jemals in Erfüllung gehen würde, aber es träumte und träumte immer weiter davon, ja es wollte am Ende gar nichts anderes mehr, als nur zu träumen. Ein einziges Mal wünschte es sich zu fliegen, beinahe so wie eine Wolke am Himmel, wie die Tauben über den Dächern oder wie dieser kleine, silberne Vogel, der sogar bis zur Sonne fliegen zu können schien.
„Warum darf ich das nicht?“, dachte das Blatt ein wenig traurig, ja ärgerlich. „Es gibt doch keinen Grund, Angst zu haben, wenn man mich einfach loslässt, auch wenn ich klein bin wie ein Schmetterling. In Wahrheit bin ich doch viel größer als so einer! Wenn eine Mücke auf meinem Zweig landet, macht mir das doch überhaupt nichts aus. Um mich schert sie sich auch nicht. Sie ist winzig klein, ihre Flügel sind dünn und durchsichtig, sie ist fast wie Glas – aber sie fliegt trotzdem! Sie sitzt da nur herum, zuckt mit ihrem Rüssel und fliegt davon. All das darf dieses kleine Wesen – warum also ich nicht? Mein Vater will wohl nichts anderes, als mich hier auf ewig festhalten!“

Manchmal schloss das Blatt, während es träumte, seine Augen, es stellte sich auf die Zehenspitzen, streckte die Arme in den Himmel und wartete auf eine heftigere Windböe. Bei jedem, auch so schwachem Windhauch, hüpfte das Blättchen auf seinem Zweiglein auf und nieder; und es schien ihm, als ob sich seine Arme in Flügel verwandelten und es fliegen könnte! Hoch in den Himmel!
„Sei gegrüßt, fliegendes Blatt, liebes Brüderchen!“, nickten ihm die weißen Wolken lächelnd zu.
„Wie geht es dir, werter Freund? Gutes Wetter heute, nicht wahr?“, begrüßten es fröhlich die Spatzen, schlugen mit ihren Flügeln und jagten Fliegen nach.
Das Blatt fürchtete nicht, als fremd abgelehnt zu werden, denn jeder, der fliegen konnte, war doch sein Freund.

Das Blättchen wünschte sich so sehr, dass auch der kleine, tapfere Silbervogel sein Freund würde und ihn zu sich in den Himmel einlüde. Dann gäbe es zwei lange, flauschige Straßen hoch oben am blauen Himmel.
So träumte das Ahornblatt in einem fort, aber es seufzte immer wieder traurig auf, wenn es seine Augen wieder aufschlug. Denn alles war zu seinem Kummer beim Alten geblieben: wer fliegen konnte, war am Himmel geblieben, nur das Blatt war wie immer an seinen Zweig gebunden. Und sein Vater, der Ahorn, hielt es immer noch fest an sich gebunden. Hatte sein Vater dabei nicht sogar recht? Sollte man etwa seine Kinder unbeaufsichtigt lassen? Sie könnten ja Unsinn anstellen. Und wenn ihnen etwas zustoßen sollte? Wer trüge dann die Verantwortung? Das alles konnte das Blättchen zwar verstehen, aber das erleichterte seine Lage in keiner Weise.

Schließlich ging der Sommer vorüber. Immer öfter sammelten sich statt der weißen, flauschigen Wolken finstere, dunkle Regenwolken mit schrecklichen Buckeln. Dem Blättchen schienen diese Gebilde am Himmel eher bösen, griesgrämigen Hexen zu ähneln, die immer wieder die Sonne in einen gewaltigen, grauen Sack zu stecken suchten, aus dem es für sie kaum noch ein Entrinnen gab. Manchmal durfte die Sonne nur ganz kurz anschauen, wie sich ihre Freunde auf der Erde fühlten, aber schon wurde sie wieder von den Wolken umzingelt und von ihnen mit dunklem Griff gefangen genommen. Diese üblen und hässlichen Regenwolken verdeckten sogar den lieben, silberfarbigen Vogel. Das Ahornblättchen konnte ihn einfach nicht mehr erblicken. Es regnete immer häufiger, und sogar die Vögel des Gartens flogen nur noch ganz selten aus. Wie hätte das auch gehen können, wenn man immer wieder so heftig vom Regen durchnässt wurde, als habe irgendwer die Himmelsdusche über den Wolken mit voller Stärke aufgedreht? Besser wäre es jetzt, sich vor solcherlei Wolkenbrüchen zu verstecken, Flügel auszubreiten und sich ein wenig zu wärmen. Selbst die Blätter der Bäume hatten an solchen Tagen keine Freude: nicht einmal mehr richtig spielen konnten sie! So wurde das arme kleine Blatt schließlich ganz traurig. Es färbte sich vor lauter Traurigkeit ganz gelb. Nur gut, dass es sich nicht im Spiegel betrachten konnte, es würde sich zu Tode erschrecken! Es fürchtete schon, krank zu sein. Jetzt bemerkte es plötzlich, dass sein Fuß, mit dem es auf dem Zweig stand, allmählich austrocknete und kaum noch einen Halt fand. Das Blatt schwankte und schaukelte auf seinem kleinen Ast wie auf einem Schaukelpferd hin und her.
„Mir geht es wirklich nicht gut“, sprach es zu sich selbst. „Der Sommer ist vorüber, und ich bin kein bisschen geflogen! Nicht ein einziges Mal! Was soll solch ein armes Leben schon wert sein? Da kann ich doch gleich kopfüber hinunter fallen. Lebe wohl, werter Himmel! Und auch ihr, ihr lieben Wolken! Auch du lebe wohl, mein fernes Silber-Vöglein!“

Als das Ahornblättchen gerade so traurig hin und her sinnierte, gab es unter seinem Fuß plötzlich einen leichten Knacks und es spürte, dass es sich mit einem Male von seinem Zweig gelöst hatte. Es fand sich kein fester Halt mehr unter seinen Füßen, und zwar so unerwartet, dass das Blatt, im ersten Augenblick ganz verwirrt, vor Angst zusammenschrumpfte. Es stellte sich plötzlich vor, mit voller Wucht auf den Asphalt zu prallen oder in einer schmutzigen Regenpfütze zu landen.
„Nein!“, schrie es verzweifelt aus und streckte seine Arme in alle Richtungen, als könnten sie sich in Flügel verwandeln. Das Blatt streckte sein Haupt stolz aus, um noch einmal den geliebten Himmel zu sehen. Da plötzlich erhörte der Himmel das Ahornblättchen: Aus einer düsteren Regenwolke stieß mit einem Mal eine Windböe hervor, ergriff das Blättchen und ließ es hoch in den Himmel hinauf fliegen. Voller Erstaunen und mit einem riesigen Glücksgefühl rief es:
„Fliege ich wirklich? Das ist doch kein Traum...! Ich fliege! Ich fliege tatsächlich! Was für ein Glück!“.
Der Wind freute sich mit dem kleinen Blatt, er sauste nach unten und wieder hinauf, mal nieder zur Erde, mal hoch in den Himmel. Zusammen mit dem Wind schlug das glückliche Blatt am Himmel .Purzelbäume und Pirouetten.
„Ich fliege ja wirklich! Ich kann fliegen! Schaut euch das an! Das ist so einfach!“, rief es den  Menschen zu. Aber die Leute, durch die kalten Winde getrieben, hatten es sehr eilig und beachteten den Himmel und was dort geschah, überhaupt nicht. Sie suchten mit dem Blick nach unten nur den hässlichen Pfützen auszuweichen, weil sie ihre Schuhe schonen und ihre Füße vor Nässe und Kälte schützen wollten.
Nur ein kleiner Junge, der mit seinem Hund spazieren ging, erblickte das in der Luft fliegende Ahornblatt.
„Schau nur, Rex, was für ein schönes Blatt das doch ist! Es fliegt wie ein echter Drachengleiter.“
Der Junge lief hinter dem in der Luft tänzelnden Blatt her. Rex dachte, sein Herrchen wollte ein Rennen mit ihm veranstalten,  und rannte im Hof umher, bellte laut und wedelte fröhlich mit seinem Schwanz.
„Wo willst du denn hin?“, lachte der Junge. „Ich möchte doch bloß das Blatt fangen!“
In diesem Augenblick landete das Ahornblatt auf der Erde. Es steuerte geradewegs auf eine große schmutzige Pfütze zu, die wie ein riesiger Klecks aussah. Der Junge konnte es gerade noch vor dem Wasser erwischen. Er nahm es vorsichtig in seine Hand und streichelte es zärtlich.
„Du bist mir aber auch einer: zuerst fliegst du in den größten Höhen und dann willst  du am Ende im Schmutz baden?“

„Sascha! Es ist Zeit, nach Hause zu kommen!“, rief plötzlich eine Frauenstimme.
„Ja, Mama, ich komme ja schon!“, rief der Junge und rannte mit Rex zum Hauseingang. Das Blatt aber hielt er fest.
In seinem Zimmer legte er es sorgfältig unter die Glasplatte seines Schreibtischs. So trocknete das Blatt und blieb für lange Zeit fest und gerade. Jetzt ähnelte es noch viel stärker einem Drachenflieger. Es sah fast genauso aus wie der auf dem Bild im Zimmer seines neuen Freundes.

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